Ampelperformance

Arne B.

Die Ampel ist ein eigenartiges Wesen mit nahezu magischen Fähigkeiten. Von einem Moment auf den nächsten bringt sie eben nochrasende Autos zum Stehen undwartende Passanten zum Gehen, wartende Autos zum Fahren und gehende Passanten zum Stehen. Kurzum, die meisten Menschen unterwerfen sich dem Diktat ihrer Farbspieleund die Kenntnis der Bedeutung derselben ist notwendige Bedingung für eine möglichst reibungslose Fortbewegung im Straßenverkehr.

Im Vokabular der Akteur-Netzwerk-Theorie kann die Ampel als ein Akteur beschrieben werden,an welchen die Aufgabe der Verkehrsregelung delegiert wurde. Indem sie das ihr eingeschriebene Programm umsetzt, schreibt sie den anderen Akteuren des Straßenverkehrs ein bestimmtes Verhalten vor und fungiert damit als Statthalter (lieutenant) eines Verkehrspolizisten.Dass eine derartige Beschreibung keinesfalls ein bloßes Gedankenspiel darstellt, zeigt die Rechtsrealität: Die Lichtsignale einer Ampel gelten ebenso wie andere Verkehrszeichen als Verwaltungsakte und sind dementsprechend mit demselben Geltungsanspruch verbunden wie der Befehl eines Polizeibeamten.

Somit lässt sich der Betrieb einer Ampel als eine Form der Machtausübung klassifizieren. Nichtnur erleichtert dieser die soziale Interaktion, insofern Verhaltensweisen vorhersehbarer werden (Fußgänger etwa können im Regelfall erwarten, dass Autos für die Dauer einer roten Ampelphase stehen bleiben und müssen weniger Aufmerksamkeit auf den Verkehr richten). Zugleich greift derim Rahmen des inskribierten Skriptes erfolgendeAmpelbetrieb in die Fortbewegungsfreiheit derjenigen ein, an welche das Haltesignal adressiert wird. Und wie bei jeder Form von Machtausübung besteht auch hier die Gefahr einer diskriminierenden Ungleichbehandlung.

In Berlin sind viele Ampeln in Hinblick auf das Ziel programmiert, eine möglichst flüssige Fortbewegung für Autofahrer zu ermöglichen. Dementsprechend kurz sind gerade auf vielbefahrenen Straßen die Grünphasen für Fußgänger (und Fahrradfahrer, sofern sie die Fußgängerwege teilen). Diesen Regelungen liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Autoverkehr allen umweltpolitischen Argumenten zum Trotz gegenüber anderen, schonenderen Fortbewegungsarten zu privilegieren sei.

An dieser Stelle soll meine Projektarbeit ansetzen mit dem Ziel, die beschriebene Diskriminierung im Stadtraum sichtbar zu machen. Zu diesem Zwecke möchte ich mich in sportlicher Montur auf dem Mittelstreifeneiner Straßean einer Stelle positionieren, an welcher die Ampelschaltung Fußgänger benachteiligt. Mit Megaphon und Stoppuhr ausgerüstet, möchte ich den Passanten die ihnen noch verbleibende Zeitzum Überqueren der Straße in nervenaufreibender Sportlehrermanier zurufen und neben mir auf einer Tafelwie auf einer Boxkampf-Anzeige die Passanten und Autofahrern jeweils zur Verfügung stehende Grünphasendauer notieren.

Ziel der Performance ist es, aufzuzeigen,wie die Ampel als mikropolitischer Akteur Menschen zur Verhaltensadaption bewegt und in ungleicher Weise Fortbewegungszeit verteilt.

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