Food Assembly – Vom Recht auf Stadt und neuen urbanen Pratiken

Lale Rohrbeck

Ein ganz alltägliches und omnipräsentes Thema des städtischen Raumes in dem wir uns bewegen ist die Frage des Besitzes beziehungsweise der Eingrenzungen und Einschränkungen des urbanen Lebens. In einer Großstadt wie Berlin sind wir augenscheinlich umgeben von Architektur, die uns zu verstehen geben soll was geht und was nicht. Lebt man einige Monate in einer Großstadt, wird einem recht bald klar wie bestimmte Grenzen gezogen werden und welche regelhaft suggerieren sich gefälligst fern zu halten. Andere laden zwar zum Teilhaben ein, bestimmen aber dennoch Handlungsweisen und sollen ein gewissen Rahmen des Spielraumes festlegen.

Der Umgang damit ist derzeit ein großes Thema im Bereich der urbanen Praktiken und der Stadtforschung. Grenzziehungen und Vorgaben geben nämlich gleichzeitig auch Möglichkeit zur Überschreitung oder Umdenken, vorausgesetzt man lässt sich darauf ein und erweitert seinen Möglichkeitshorizont und Handlungsspielraum. Wer gestaltet unsere Städte und welche Intentionen stehen dahinter? Von wie viel Selbstbestimmung und von wie viel Auferlegung werden unsere alltäglichen Wege durch die Stadt determiniert? Wer nimmt seine Stadt bewusst war und erkennt die Strukturen und Möglichkeiten die überall versteckt sind, im positiven und negativen? Im Folgenden werde ich einige damit in Verbindung stehende Theorien ansprechen und schließlich beispielhaft überlegen wie diese sich auf das aktuelle Berlin übertragen lassen.

„The Right to the City“

David Harvey, Professor für Anthropologie und Geographie in New York, spricht von einem „Recht auf die Stadt“. Ihm nach repräsentieren Städte die Gesellschaft, sie formen sich nach den Bedürfnissen der Gesellschaft. Somit sei es auch das Recht der Bewohner sie so zu nutzen und zu gestalten wie sie es für richtig halten. Harvey sagt, Kapitalismus und Urbanisierung seien stark miteinander verbunden, da stetige Überschussproduktion auch mehr und mehr Raum in Anspruch nehme. Dies bedeutet, dass nur die Wenigen mit viel Geld und großer kapitalistischer Macht die Möglichkeit haben den urbanen Raum so zu formen wie sie es wünschen. Das Recht auf die Stadt liegt in den Händen einer kleinen Elite, die selbstverständlich nicht die Wünsche der Masse erfüllt. So werde die Schere zwischen arm
und reich, Ghettos und Reichenvierteln größer. Zwar gebe es immer mehr Initiativen, jedoch lang noch nicht ausreichend um ein Gleichgewicht herzustellen.
Gerade Berlin ist eine Stadt in der mehr und mehr das Bewusstsein für dieses Recht auf die Stadt wächst und somit auch neue urbane Praktiken Einzug halten.

Strategien und Taktiken

Ein passender Theoretiker, der sich mit demThema des Menschen und seiner Umwelt auseinandergesetzt hat, ist Michel de Certeau (1925-1986). Eines von de Certeaus bekanntesten Werken ist „Die Kunst des Handelns“. In Anlehnung an Michel Foucault untersucht er hier „Praktiken im Raum“, wobei Raum für ihn etwas ist, dass durch Handlungsweisen geformt wird. Zentrales Anliegen bei de Certeau ist die Darstellung des Verhaltens von „Verbrauchern“, Menschen in Alltagssituationen, welche ihm nach keinesfalls nur passiv sind und willenlos durch vorherrschende Machtapparate manipuliert werden, sondern situationsabhängig kreative Handlungsweisen produzieren, um mit vorgegebenen Strukturen umzugehen und sich so durch individuelles Vorgehen zu emanzipieren.

De Certeau nutzt zur Erklärung dessen, was dabei passiert, „Strategien“ und „Taktiken“. Die Anwendung von Strategien wird möglich, sobald eine Person oder Institution eigenen Raum besitzt, der auf bestimmte Art und Weise geformt werden kann und der dann stellvertretend für den Inhaber Macht ausübt, auf die, die sich in ihm bewegen. Am Beispiel des Urban Gardenings, wäre dies zum einen die Stadtverwaltung, oder einzelne Vermieter eines Raumes, welche bestimmen können wie dieser aussieht, wem er zur Verfügung steht etc. Taktiken, auf der anderen Seite, stehen den Nutzern, in dem Fall den Gärtnern/Anwohnern zur Verfügung, bzw. werden von ihnen hervorgebracht, wenn sie sich im beschriebenen Raum bewegen. Sie könnten beispielswiese das Dach des Hauses nutzen um Tomaten in Kisten anzupflanzen. Sie verfügen nicht über eigenen entsprechenden Raum, sondern sind darauf angewiesen den vorgegebenen situativ taktisch zu nutzen, sie sind auf Zeit angewiesen. Nach de Certeau durchziehen die erklärten Taktiken alle denkbaren Bereiche des Alltagslebens. Urban Gardening ist nur ein Beispiel hierfür und beinahe schon wieder eine der älteren Bewegungen. Ähnliche „taktische Umnutzungen“ des urbanen Raumes wären zum Beispiel auch Parkour, Street Art, Adbusting und Guerilla Gardening; um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Food Assembly

Ein ganz neu entstandenes Projekt, das sich in der Struktur unterscheidet, ist die „Food Assembly“. Diese in Frankreich entstandene Bewegung ermöglicht Städtern den Erwerb von frischen Produkten direkt vom Erzeuger aus dem Umland, über das Format eines Wochenmarktes hinaus. Das Projekt funktioniert über eine Internetplattform; auf der Erzeuger und Käufer angemeldet sind. Die Erzeuger laden ihre Produkte hoch und es werden alle Waren im Voraus gekauft. Dann gibt es mehrere „Assemblies“ in verschiedenen Teilen der Stadt. Jeder, der über Raum verfügt (gemietet, eigenes Café, Atelier…) kann eine Assembly gründen. In diesen Assemblies gibt es ein oder zweimal die Woche einen Popup Markt, bei dem sich Erzeuger und Käufer treffen, die gekauften Waren übergeben werden und somit direkter persönlicher Kontakt ermöglicht wird. Im Gegensatz zu herkömmlichen Supermärkten oder Märkten gibt es keine Standgebühr, die Erzeuger sind sicher wie viel sie verkaufenbeziehungsweise verkaufthaben und eine direkte Beziehung zwischen Käufern und Erzeugernwird ermöglicht.

In einer Stadt wie Berlin, die von Anonymität, Distanz, Unsicherheit und Misstrauen anderen gegenüber geprägt ist, ist so ein Konzept meiner Meinung nach von großer Bedeutung; um ein Umdenken anzuregen und ein nachhaltiges Bewusstsein für Konsum in Gang zu bringen, welches auf Vertrauen und Transparenz begründet ist und nicht auf Fair Trade Siegeln oder Ökolabeln. Die Food Assemblies bringen eine spannende Ebene in de Certeaus Konzept der Strategen und Taktiker beziehungsweise erfordern sie ein Umdenken. Ausschlaggebend ist hierbei der neu hinzugefügte Aspekt des Internets. Diese “neue” Form des Raumes ermöglicht gleichzeitig eine neue Form der Macht. Sie dirigiert taktisch an den Supermärkten und herkömmlichen Einkaufsinstitutionen vorbei und schafft sich einen eigenen, neuen Raum der auf die genannten nicht angewiesen ist. Die Taktiker (Erzeuger, Käufer, Verwalter der Internetplattform) koppeln sich komplett von den Strategenab (Supermärkte, Zwischenhändler) und entziehen sich somit letztlich komplett dem Konzept der Strategie und Taktik. Der erste Gedanke ist zwar, die Betreuer der Assemblies als neue Strategen anzusehen, dies macht aber wenig Sinn unter Einbezug des Aspektes, dass alle zusammenarbeiten und voneinander profitieren und bereits eine Umnutzung des Raumes vorliegt. Die Assemblies finden in Cafés, Kunsthäusern oder leer stehenden Hallen statt, welche für den Popup Markt für zwei Stunden umfunktioniert werden, mit Erlaubnis der Eigentümer. Das Konzept basiert darauf, dass alle beteiligten gleichermaßen profitieren und ein Ideal unterstützen. Die Food Assembly und insbesondere der Einbezug des Mediums Internet stellt de Certeaus Konzept auf den Kopf und ich bin der Ansicht, dass das ein gutes Zeichen ist. Gerade mit Hinsicht darauf, möglichst aus den klassischen Modellen der Machtverteilung auszubrechen und nicht nur eine taktische Umnutzung zu erreichen, sondern sich anderen Raum anzueignen um ihn für Zwecke zu verwenden,die der breiten Masse zu Gute kommen, statt einer kleinen Elite mit großem ökonomischen Kapital. Hier lässt sich wieder der Bogen zu David Harvey schlagen, den das sicherlich auch begeistern würde.

Weiterführende Gedanken

Das Phänomen Food Assembly ist ein wahnsinnig spannender und ergiebiger Forschungsgegenstand, mit dem ich mich noch eine ganze Weile beschäftigen werde. Ich betreibe mit meiner Mutter einen Ziegenkäseladen in Kreuzberg und wir nehmen als Erzeuger an den Food Assemblies Teil. Die dabei entstehenden Beziehungen zwischen uns Erzeugern und den Käufern ist hochinteressant. Ein ebenfalls spannender Aspekt ist die Rolle der Räumlichkeiten, welche je nach Assembly komplett unterschiedlich sind und die Stimmung und Interaktion des jeweiligen Popup Marktes beeinflussen. Weiterführend könnte man dies untersuchen sowie auch zum Beispiel welche Rolle die Produkte und deren Beschaffenheit eigentlich einnehmen.

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