Von der Zwischennutzung zum Clubbesitzer – Techno-Clubs im Wandel der Zeit

Martina Kogler

In der elektronischen Musikszene nimmt Berlin heute weltweit eine führende Position ein. Sowohl in der Hauptstadt produzierte Platten und CDs, als auch seine lebendige Clubszene etablieren Berlin als Party-hauptstadt Europas und faszinieren Touristen aus aller Welt, die oft nur aus einem einzigen Grund in die Stadt kommen: Um an ungewöhnlichen Orten zu elektronischer Musik zu feiern. Diese Orte sind das Ergebnis der deutsch-deutschen Teilung und einer einzigartigen politischen Situation, die nach dem Fall der Mauer unzählige Möglichkeitsräume schuf und die Zwischennutzung von leerstehenden Gebäuden und Brachflächen ermöglichte. Diese Ära beeinflusst auch heute noch, sowohl die Standortwahl, als auch die Ästhetik der Clubausbauten.Zwischennutzungen gab es in Deutschlands Hauptstadt schon vor der Wende. Grundsätzlich bezeichnet der Begriff die Nutzung zwischen zwei Hauptnutzungen, um eine zeitlich begrenzte Funktionslosigkeit eines Gebäudes zu überwinden. Diese kann legal oder illegal erfolgen. Ein historisches Beispiel für die legale sogar gewünschte Zwischennutzung ist zum Beispiel das „‚Trocken-wohnen’ der gründerzeitlichen Mietskasernen durch finanzschwache Arbeiter. War der Bau im Frühjahr schließlich trocken, wurden die Interimsbewohner durch solventere Mieter ersetzt“ (Bormann, Oliver/Heinemann, Christoph: Gespräch mit Philipp Oswalt und Peter Sandhaus, Jenseits des Plans. Zwischennutzung als Strategie einer neuen Stadtaneignung, in: Polis 2-3/2002, S. 25–31, hier S.29).

Eine weitere frühe Form der Zwischennutzung ist die Aneignung von Raum zu dessen Bewirtschaftung nach dem zweiten Weltkrieg. So wurde beispielsweise auf den Brachflächen des Reichstagsgeländes in der Nachkriegszeit Gemüse angebaut. Diese eher illegale Form der Zwischennutzung wurde später von türkischen Gastarbeitern in Form von wilden Schrebergärten auf Flächen der Montanindustrie, diversen Bahnbrachen und anderen Leerflächen übernommen  und setzt sich mittlerweile im „Guerilla Gardening“ fort. Aber auch legale Urban Gardening Projekte finden heutzutage Einzug in den Berliner Stadtraum, wie im Fall der Prinzessinnengärten in Kreuzberg oder dem Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld. Nach dem Fall der Mauer ließ die ungeklärte politische Situation weitere Freiräume und neue Zwischennutzungsmöglichkeiten entstehen. Keine andere Stadt in Europa schuf so viele unterschiedliche und ungewöhnliche Möglichkeitsräume, wie die Stadt in der wir leben. Ulrich Gutmair beschreibt den Zustand, der sich bis zur Wiedervereinigung 1990 im Osten Berlins etabliert hat, annähernd als Anarchie, als „Ordnung, die fast ohne Herrschaft zu funktionieren scheint”. Ständige Demonstrationen, Kunstaktionen und Partys prägen das Stadtbild einer Metropole, die sich in einem cha-otischen und impulsiven Umbruch von einem politischen System in ein Neues befindet. Die ehemaligen DDR-Organe besaßen keinerlei Autorität mehr. Die Gesetze Westdeutschlands hatten in den neuen Bundesländern noch keine Gültigkeit (Gutmair, Ulrich: Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende. Stuttgart 2013, S. 17).

Der alte Ostteil der Stadt wies nach dem Fall der Mauer einen hohen Leerstand an Wohnungen und Industriegebäuden auf. Vor allem im Bezirk Mitte waren noch rund vierzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die unmittelbaren Kriegsfolgen weithin sichtbar. Durch die Alliierten beschädigte und zerstörte Häuser, sowie weite, brachliegende Flächen prägten das Stadtbild.Zudem wurde mit dem Gesetz der Volkskammer der DDR vom 23. September 1990 beschlossen, dass Eigentum, „wenn es nach Gründung der DDR enteignet worden ist, an die alten Besitzer oder ihre Erben zurückgegeben [wird]” (Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen (Vermögensgesetz – VermG), abgedruckt in: in: Rädler/Raupach/Bezzenberger (Hrsg.): Vermögen in der ehemaligen DDR, Herne/Berlin 1991, ISBN 3-927935-50-6, Teil 5 B IX.; Fieberg/Reichenbach).
Dazu wurden viele Grundstücke und Häuser in Berlin in Volkseigentum umgewandelt. Lagerhallen und Wohnungen, Keller und Fabrikgebäude standen leer – oft noch bis ins neue Jahrtausend. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen konnte oftmals nicht sofort geklärt werden. Die brachliegenden Räume, die „man sich aneignen [konnte]” (Ebenda, S.106) boten Raum für neue Ideen. Ein weiterer Aspekt der den Leerstand industrieller Bauten förderte war die zunehmende Deindustrialisierung aufgrund vieler in der freien Marktwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähiger Firmen, die nach der Öffnung der Mauer ihren Betrieb einstellen mussten. Auch deren Gelände lagen noch viele Jahre brach.

In dieser Zeit politischer und gesellschaftlicher Wirrnisse findet Techno den Einzug ins Berliner Nachtleben. Zahllose Partys finden statt – mit einer Musik, die für Viele das neu gewonnene Lebensgefühl grenzenloser Freiheit widerspiegelte (Denk, Felix/von Thülen, Sven: Der Klang der Familie. Berlin 2012, S. 99; S. 125, S.128). Auch heute können wir dieses Gefühl noch auf Festivals wie der Fusion und in Clubs wie dem Berghain erleben, in dem Ort, Zeit und Identität keine Rolle spielen. Ulrich Gutmair erklärt den sich entwickelnden Freiraum dahingehend, dass Berlin zu diesem Zeitpunkt eine „unattraktive Stadt” ist, „eine Interzone, der bestenfalls morbider Charme attestiert wird. … Weil Berlin ein wenig begehrter Ort ist, gibt es Raum für Experimente”. Investoren für brachliegende Grundstücke in dieser damals wenig lukrativen Lage werden kaum gefunden, jedoch zog es zuhauf Künstler und Kreative in die Stadt, die sich selbst verwirklichen wollten und sich auf den temporären Spielwiesen der Stadt, seien es Clubs, Cafés oder Galerien, regelrecht austoben konnten (Gutmair 2003, S. 143).

Dank der ungeklärten Besitzverhältnisse und angetrieben vom neu gewonnenen Lebensgefühl schossen in den ehemaligen Ostberliner Stadtteilen (v.a. im Bezirk Mitte) Party-Locations wie Pilze aus dem Boden. Frühe Techno-Clubs, die kurz nach dem Mauerfall entstanden und die Szene bundesweit beeinflussten, waren das Planet, der Tresor, der Bunker und das E-Werk, sowie die reinen Afterhour-Clubs Walfisch und Exit, die erst morgens öffneten. Der Tresor beispielsweise öffnete kurz nach der Wende seine Türen in den ehemaligen Tresorräumen des Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße, Berlin-Mitte. Das Warenhaus war eines jener unzähligen Berliner Kriegsrelikte, das durch die Luftangriffe der Alliierten teilweise zerstört und 1956 abgerissen wurde. Die Geld- und Wertekammer blieb aufgrund ihrer Bauweise erhalten und wurde 1991 von Dimitri Hegemann, Achim Kohlberger und Johnnie Stieler zu einem der später weltweit bekanntesten Techno-Clubs umfunktioniert. Nicht nur der bis zur Schließung 2005 währende Zustand der Zwischennutzung, sondern auch die persönliche Faszination der Betreiber und späteren Mitarbeiter vom „Ruinencharakter der Location” führte dazu, dass nur die notwendigsten Umbauten erfolgten (Hegemann, Dimitri: Techno nach dem Mauerfall. Die Geschichte des Tresors. In: Albert Scharenberg, Ingo Bader (Hrsg.): Der Sound der Stadt. Musikindustrie und Subkultur in Berlin. Münster 2005, S. 133–145).

Ein „pragmatischer Minimalismus” (Heilmeyer, Florian (2011): ARCH+ features 5, Vortrag von Florian Heilmeyer, 09.06.2011http://www.archplus.net/home/news/7,1-6610,1,0.html?referer=104, ab Minute 05.10) beherrschte das Bild der ersten Techno-Clubs in Berlin. Finanzielle Mittel für die Einrichtung der Clubs waren weder vorhanden noch notwendig. Vieles stellte zunächst nur ein Provisorium dar. Mit geringen und nur den notwendigsten Umbaumaßnahmen und der Anschaffung einer Musikanlage konnten die autonomen Zonen zu Clubs umgebaut werden. Mit den Einnahmen des Club-betriebs wurden nach und nach die Räume ausgebaut und funktional erweitert. Um bauliche Auflagen, Brandschutzmaßnahmen oder Fluchtwege, kümmerte sich damals niemand, da nicht ausreichend Kontrollen durchgeführt wurden. Oftmals wurden die Räume nur eine Nacht genutzt, für die nächste Party wurden neue Spielorte gesucht. Andere Veranstaltungen wurden regelmäßig arrangiert und es konnten Zwischennutzungsverträge mit den Eigentümern ausgehandelt werden, meist für einige Monate, andere längerfristig.
Doch selbst in diesen Fällen waren die Clubs der ständig drohenden Gefahr der Schließung ausgesetzt. Man wusste nicht, wie lange der Club betrieben werden könne, wann Eigentümer ihre Grundstücke verkaufen oder bebauen würden. Zudem wurden die Techno-Clubs nicht aufgrund wirtschaftlicher Interessen eröffnet. „Nichts war für die Ewigkeit bestimmt.” (Farkas, Wolfgang/Seidl, Stefanie/Zwirner, Heiko: Nachtleben Berlin. 1974 bis heute. Berlin 2013, S.119). Doch mit derselben Geschwindigkeit, mit der sich die Gegebenheiten in Berlin normalisierten, zerfielen die kollektiven Zusammenhänge und die Freiräume verflüchtigten sich. Eigentumsfragen wurden geklärt, Häuser und Grundstücke wieder an ihre früheren Besitzer zurückgeführt oder an gut zahlende Investoren weiterverkauft. Techno-Clubs mussten schließen oder weiterziehen.

Nichtsdestotrotz befindet sich noch heute der Großteil der Clubs für elektronische Musik in alten Industrierelikten, nur die Standorte im urbanen Raum haben sich von Mitte in die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg verlagert. Seit einigen Jahren lässt sich sogar eine Verschiebung in Richtung der Außenbezirke Lichtenberg und Marzahn feststellen. Von den frühen Techno-Clubs befindet sich heute keiner mehr an dem Ort seiner Geburtsstunde, jedoch sind einige der alten Betreiber noch immer aktiv, an neuen Standorten oder unter anderem Namen, meist immer noch mit Zwischennutzungsverträgen. So unter anderem der Tresor, der 2007 in einem ehemaligen Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße wieder eröffnete. Ein weiteres Beispiel war die Maria, die nach ihrem Aufenthalt in einem Bürokomplex am Berliner Ostbahnhof, 2003 in einer Fabrikhalle an der Schillingbrücke ihren Platz gefunden hatte. Aufgrund der Sanierung der Ufermauern muste der Club jedoch 2014 erneut seine Pforten schließen. Gerüchte sind schon im Umlauf, dass ein neuer Standort gefunden sei und eine Wiedereröffnung noch in diesem Jahr realisitisch erscheint. Jedoch fangen die Betreiber der Maria wieder von Null an.

Zwei andere Clubbetreiber haben anscheinend alles richtig gemacht: Sie haben den Gewinn aus den Zwischennutzungsveträgen in Eigenkapital umgewandelt – die Betreiber des Berghain (ehemaliges Ostgut) und die der ehemaligen Bar 25 (später Kater Holzig, heute Kater Blau). Letztere erwarben nach einem kurzen Umzug auf die gegenüberliegende Spreeseite ihr bis 2010 angemietetes Gelände an der Spree. Auf diesem betrieben sie zwischen 2004 und 2010 die Bar 25 – „ein Rummelplatz für Erwachsene“, der das verkörperte, „was sich junge Leute im ganzen Land unter dem Berliner Lebens-gefühl vorstellten“ (Mohr, Carline (2015): Projekt „Holzmarkt“ – Die große Freiheit an der Spree.
http://www.morgenpost.de/berlin/article114296121/Projekt-Holzmarkt-Die-grosse-Freiheit-an-der-Spree.html). Es gab einen Club und ein Restaurant, eine Feuerstelle und Schaukeln, eine Zirkusarena und ein Freiluftkino, einen Wellness-Bereich und Autoscooter.
Doch es blieb nicht allein bei der Idee den alten Club wieder aufzubauen, sie schufen damit gleichzeitig Pläne für ein alternatives Kreativdorf, welches in dieser Form bisher weder in Berlin, noch in einer anderen Metropole dieser Welt besteht. Es soll ein völlig neues Stadtquartier am Spreeufer von Friedrichshain aufgebaut werden, mit eigenen Regeln, Studentenwohnungen, einer Kita, Ateliers, Werkstätten, Einkaufsläden und einem öffentlichen Park. Es soll sich an die Bedürfnisse anpassen und einem ständigen Wandel unterliegen:

„Anstatt einer geradlinigen Flusspromenade schaffen wir Freiräume, die zum entdecken und verweilen einladen – und zwar auf dem ganzen Gelände. So zeichnet sich auch das städtebauliche Leitbild durch geringe Dichte, Durchlässigkeit und Vielfältigkeit von Bauformen und Fassaden aus. Einfaches, kostengünstiges und teilweise in Eigenleistung realisiertes Bauen soll darüber hinaus bezahlbare inner-städtische Mieten für Handwerker, Künstler und Kreative im Dorf sicher stellen. Die geplante Bebau-ung auf dem Holzmarkt ist ein- bis maximal fünf-geschossig angelegt und umfasst deutlich weniger als die nach dem gültigen Bebauungsplan realisierbaren Baumassen. Das Eckwerk hinter dem Viadukt setzt einen inspirierenden Kontrapunkt in Bauhöhe und -dichte, vor allem aber in der Architektur. Die Bebauung soll sukzessive wachsen: Für die Entwicklung des Gebiets sind ca. 10 Jahre veranschlagt; ein baulicher Endzustand wird jedoch gar nicht angestrebt – alle Teile sollen einem stetigen Wandel unterliegen. Räume, Bauten und Konfigurationen ändern sich ständig – das Quartier erfindet sich permanent neu.“
(Auszug aus der Holzmarkt-Broschüre http://www.holzmarkt.com/downloads/140411_Holzmarkt_Broschuere.pdf)

In ähnlicher Weise nutzt auch das Berghain seine neu gewonnene kreative Freiheit. Die Betreiber des Clubs suchten nach der Schließung des legendären Techno-Clubs Ostgut im Jahre 2003 nach einem neuen Standort für die Fortführung des Clubbetriebes. Fündig wurde man 2004 an der Stadtteilgrenze zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Das in den 50er Jahren erbaute Bewag-Heizkraftwerk versorgte nach Inbetriebnahme die Bewohner der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), sowie die umliegenden Häuser mit Wärme und Strom. Schon 1960 wurde der Betrieb wieder eingestellt und das Gebäude als Ausbildungskraftwerk genutzt, ab 1990 stand es endgültig leer. Zunächst wurde das Gebäude vom Eigentümer gepachtet und nach nur wenigen Monaten Umbauzeit wurden zwischen Oktober 2004 und Januar 2005 die Panorama Bar, das Berghain und das lab.oratory in dieser stillgelegten Industrieruine eröffnet. Doch 2011 kauften Michael Teufele und Norbert Thormann das Gebäude vom Stromproduzenten Vattenfall ab. Das Berghain hat sich so von den Launen eines fremden Eigentümers befreit und entgeht der Gefahr irgendwann den Betrieb wieder einstellen zu müssen. Wie schon beim Kater Holzig befindet sich das gesamte Areal seit dem Kauf in einem ständigen Wandel, die morbide Atmosphäre der alten Industriehalle wurde jedoch beibehalten. Florian Heilmeyer rechtfertigt den Zustand des Gebäudes mit der Idee, dass durch dessen Benutzung immer wieder neue Bedürfnisse und Ideen entstehen. Ein Endzustand kann nicht definiert werden, es geht immer weiter.

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